Sein & Schein

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Ich war kürzlich mit einer jungen Familie dumpstern. Dabei haben wir auch eine Pomelo mitgenommen. Diese wirklich imposant großen Zitrusfrüchte, die aus China importiert werden, sind vielleicht das prägnateste Beispiel für die Verpackungsgeilheit unserer Zeit.
Die Früchte werden schon seit langem nicht auf möglichst viele Vitamine gezüchtet oder darauf, besser zu schmecken als andere Südfrüchte, sondern nur darauf, eine möglichst dicke Schale zu haben, in der das eigentliche Fruchtfleisch fast verloren geht. Um diese karikaturhaft dicke natürliche Schale wird selbstverständlich noch eine gefährlich giftige Wachsschicht angebracht, die das eigentlich wertvolle von Zitrusfrüchten, die ätherischen Öle, unbrauchbar macht. Das wird dann noch zusätzlich in einer unnötigen Plastikfolie verschweißt, und darum kommt dann noch zusätzlich ein Plastiknetz, das ausschließlich ästhetische Gründe hat. Und wenn eine einzige dieser vielen Schichten auch nur einen kleinen Fehler hat, dann landet die ganze Sache in Müll.
Das bißchen Fruchtfleisch, das da ganz verloren in der Mitte darauf wartet, genossen zu werden, bekommt natürlich gar nichts davon mit, daß eine der äußeren Schalen einen kleinen Knax hat. Aber weil der Konsument oder die Konsumentin für ihr Geld Perfektion erwartet, ist diese Pflanze ganz umsonst gewachsen, hat sich der Bauer umsonst mit Herbiziden, Fungiziden, Insektiziden, chemischem Dünger und nicht zuletzt mit dieser giftigen Wachsbehandlung der Schale vergiftet, wurde alles ganz umsonst mit so vielen Plastikschichten verpackt, einkartoniert und um die halbe Welt verschifft – oder noch schlimmer geflogen.

Ebenso geben z.B. Waschmittelkonzerne viel mehr Geld dafür aus zu erforschen, ob rosa oder blaue Kügelchen mehr den Eindruck von Waschkraft vermitteln, als dafür tatsächlich die Waschkraft zu verbessern. Statt mit umweltverträglichen Substanzen tatsächlich grün zu waschen, wird nur Greenwashing betrieben. Und auch das Waschmittel landet wie so vieles andere im Müll sobald der Karton nur einen Knick hat.
Für diesen Schein von Perfektion sind wir bereit, alle Ressourcen zu vergeuden, und unsere Welt – die einzige die wir haben – dauerhaft zu vergiften.

Immer mehr Menschen verlieren sich in dieser Welt der Oberflächlichkeit, interessieren sich nur für schicke Kleidung, edle Accessoires, unnötiges, technisches Spielzeug, pseudo-originelle Tattoos, oberflächliche Schönheitsbehandlungen oder gar gefährliche -operationen, statt sich darum zu kümmern, ob ihr innerstes Wesen liebenswert und liebes-fähig ist.
Die ikonographische Darstellung eines Hintern, die sich irgendwann irrtümlicherweise als Symbol für das Herz durchgesetzt hat, wird schnell und unkompliziert angeklickt und als elektronische Informationseinheit in virtuellen Netzwerken verbreitet, um so unser Bedürfnis nach Herzlichkeit zu befriedigen. Aber ein gutes Herz zeigt sich dadurch, wie wir ganz konkret im realen Leben mit unseren direkten Mitmenschen umgehen – oder mit den Menschen weit weg und der gesamten Um-welt und allen Wesen, die durch unseren Konsum leiden und sterben.

Auch wenn ich oft verkannt, ausgegrenzt oder gar angefeindet werde, weil ich diese hohlen Oberflächlichkeiten zu wenig schätze und diese virtuellen Ersatzhandlungen nicht genug mitspiele, ist mir das Herz wichtiger als blinkende Herzchen.
Wabi-Sabi ist nicht nur eine Modeerscheinung sondern einen uralte Weisheit. Sie erinnert uns daran, daß alles seine Geschichte hat. Wenn wir Altes nur wegschmeißen und abreißen, berauben wir uns selber dieser wertvollen Erfahrungen, Schätze und Ressourcen.
Punk ist mehr als eine Frisur. Es geht nicht um Provokation sondern um Empowerment. Fehler müssen nicht versteckt werden, weil sie das sind, was uns ausmacht. Reparaturen dürfen auch als solche erkannt werden, weil sie Wertschätzung zeigen.
Und verschwenderischer Luxus ist kein Ideal sondern eine Schwäche. Wir wissen, daß damit nur eine innere Leere gefüllt werden will, die sich so nie heilen läßt, weil sie nur immer mehr leert als ausfüllt.
Deshalb bevorzuge ich die unscheinbare oder gar zerrissene Verpackung, das makelhafte Äußere mit einer guten Seele, die Verantwortung für das eigene Leben & Handeln übernimmt. Denn ethische Evolution wird nicht passieren, wenn wir nicht an uns selber arbeiten.